Kommentar zu den Perikopen des 4. Sonntags im Jahreskreis B - 29. Jan. 2012
1. Lesung Dtn 18,15-20 Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören. Der Herr wird ihn als Erfüllung von allem erstehen lassen, worum du am Horeb, am Tag der Versammlung, den Herrn, deinen Gott, gebeten hast, als du sagtest: Ich kann die donnernde Stimme des Herrn, meines Gottes, nicht noch einmal hören und dieses große Feuer nicht noch einmal sehen, ohne dass ich sterbe. Damals sagte der Herr zu mir: Was sie von dir verlangen, ist recht. Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm auftrage. Einen Mann aber, der nicht auf meine Worte hört, die der Prophet in meinem Namen verkünden wird, ziehe ich selbst zur Rechenschaft. Doch ein Prophet, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden, dessen Verkündigung ich ihm nicht aufgetragen habe, oder der im Namen anderer Götter spricht, ein solcher Prophet soll sterben.
Stiftet Gott ein Verhältnis zur Menschheit, so lässt sich das nur an Menschen erkennen, durch die Gott sich zu erkennen gibt. Wieso ist es aber wirklich Gott, der sich zu erkennen gibt? Kann das nicht jemand vortäuschen? Ein Prophet weist sich nicht dadurch aus, dass er von Gott redet, so dass die Menschen nur etwas wissen, sondern er muss etwas bewirken, was nicht vorauszusehen war und dem Fortschritt der Menschen dient. Der bedeutsamste Fortschritt liegt in der Solidarisierung der Menschen, die nur bedingt durch die Macht eines Herrschers durchgesetzt werden kann. Sie besteht bestenfalls im menschlichen Wohl, aber nicht im Heil. Heil ereignet sich im unvergänglichen Miteinander. Das aber wird erst in einem Miteinander von Personen erreicht; in personalen Verhältnissen. Das trifft nicht für jedes Miteinander zu. Geschichte im eigentlichen Sinn gibt es erst, wenn das Zusammenleben jeweils besser wird. Im Wohl wie im Heil. Der Initiator für das Neue ist zwar Gott, aber die Konkretion des Neuen löst ein Prophet aus, der nur vollbringen kann, wozu Gott ihn befähigt. Die Geschichte der Christenheit beschränkt sich nicht auf die Geschichte der Kirche, sondern sie muss von ihr ausgehen. Unterbleibt das, hat die Kirche ihr prophetisches Wirken verloren. Sie muss sagen und zeigen können, inwiefern Menschen es mit Gott zu tun haben. Das ist ein Problem der responsorischen Freiheit, die den Menschen dem näher bringt, was er sein soll. Menschen reagieren, wenn ihnen etwas widerfährt.
2. Lesung 1 Kor 7,32-35 Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.
Inwiefern „dient“ ein Mensch dem „Herrn“? – Das Leben hat nur zuweilen Höhepunkte. Insofern verläuft es allgemein ohne Höhepunkte, da die Mehrzahl der Menschen „durchschnittliche“ Fähigkeiten haben. Erst wenn sie zu etwas Außerordentlichem fähig sind, kommen sie über den Kompromiss hinaus. Dass die Menschen dazu kommen, ist das Interesse Gottes. Wenn sie so weit gekommen sind, entsprechen sie dem Interesse Gottes. Sie „dienen“ ihm. Wir bezeichnen die zentrale sakramentale Gottesbegegnung als „Gottesdienst“. Zu fragen bleibt jedoch, ob die „Gottesdienstteilnehmer“ zusammenkommen, um sich zur Verwirklichung eines besonderen Zusammenlebens befähigen zu lassen, da sich ihr Heil in einer fortschreitenden Weise des Miteinanders ereignet. Die Qualität des Zusammenwirkens ist erfahrungsgemäß die Qualität des Lebens.
Evangelium Mk 1,21-28 Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.
Wodurch zeigt sich das Lehren mit göttlicher Vollmacht? „Vollmacht“ ist das Können dessen, was sein soll. Denn „mehr“ kann nicht sein als das, was sein soll. Was die Menschen hören, sollen sie auch verstehen. Wenn sie zu einem neuen Verständnis gebracht werden, können sie von ihrem bisherigen Verständnis abrücken. Doch so weit sind die Hörer Jesu in Karfanaum noch nicht. Das Verständnis ist auch beharrlich und lässt sich entsprechend schwer verändern. Das Neue bemerken die Hörer zwar, aber es löst nur die Frage aus: „Was hat das zu bedeuten?“ Die Bedeutung können sie erst an ihrer Reaktion erkennen. Es wird sich jedoch zeigen, dass die Hörer im Laufe der Zeit überwiegend mit Ablehnung reagieren. Nur die „unreinen Geister“ verfügen über repressive Macht. Unterdrückung ist das Unwesen der Macht. Ihr Wesen ist destruktiv. Die „Vollmacht“ ist konstitutiv und bewirkt durch das Wort und den Umgang Jesu die „Scheidung der Geister“.
• Wo einer für den Anderen sein kann, was er für ihn sein soll, sprechen wir von einem Verhältnis. Ein Verhältnis ist eine Verbundenheit, die besser nicht sein kann. Die Fähigkeit, ein Verhältnis Gott zu stiften, zeichnet einen Propheten aus. Verheiratete haben ein Verhältnis zu einander. Dass ihr Verhältnis zu einander zugleich ein Verhältnis zu Gott ist, lässt sich nur dadurch erklären, dass Gottes Menschsein in beiden Partnern konstitutiv wirkt und sie so als Personen verbindet. Das scheint für den Apostel Paulus jedoch nicht so zu sein. Offenkundig ist das konstitutive Wort Jesu durch das, was er dadurch bewirkt. Es gibt aber auch Aufschluss über die Verfassung seiner Hörer; sowohl der Menschen, wie der „bösen Geister“. Jeder reagiert seinem Geistestyp entsprechend.